E Bike Test 2014: Flyer Tandem Deluxe
Das Flyer Tandem Deluxe im Einzeltest
Das Highlight zuerst: Der kritische Punkt auf unserer Testrunde mit dem Flyer Tandem Deluxe ist ein 300 Meter langer Anstieg mit knackigen 18 Prozent Steigung. Mit unserem eigenen Tandem, einem 20 Kilo leichten, motorlosen Modell mit 30 Gängen, wären wir hier an unsere körperlichen Grenzen gekommen. Auf dem 35 Kilo schweren E-Tandem von Flyer ist die Steilwand kein Problem. Dank der Schubkraft des Elektromotors erreichen wir die Kuppe, ohne groß außer Puste zu geraten.
Doch zurück zu den Basics: Tandem fahren ist eine sehr spezielle Form des Radfahrens. Man liebt es – oder man hat ein Problem damit. Die Autonomie beim Pedalieren aufgeben und alle Fahrmanöver mit einem Kopiloten abstimmen zu müssen – das mag nicht jeder. Meine Ehefrau Bina und ich haben das jedoch in den 15 Jahren gemeinsamer Tandem-Leidenschaft nie als Beschränkung wahrgenommen. Das für uns beste Argument: Zu zweit auf einem Rad gleichen sich Leistungsunterschiede zwischen den Fahrern aus.
Ein Problem haben die Zweisitzer jedoch: Durch das hohe Systemgewicht aus Rad, zwei Fahrern plus eventuell Gepäck können lange, steile Anstiege selbst für gut trainierte Fahrer zäh werden. Spätestens bei acht Prozent Steigung hört für mich der Fahrspaß auf – mit Gepäck schon früher. Deshalb überlegen wir schon länger, unser Tandem mit einem Elektromotor nachzurüsten. Entsprechend neugierig waren wir auf die Testfahrt mit dem Flyer-Tandem.
Das Tandem Deluxe ist in zwei Rahmenformen, je zwei Größen und drei Ausstattungsvarianten erhältlich. In der getesteten Pedelec-Variante arbeitet der Mittelmotor von Panasonic mit 250 Watt, auch eine Ausführung mit 350 Watt ist lieferbar. Neben der von uns gefahrenen Rahmenform mit tiefem Durchstieg hinten gibt es ein "Herrenmodell" mit durchgehendem Oberrohr und versteifender Diagonalstrebe. Für unser Anforderungsprofil und Leistungsvermögen wäre die steifere Rahmenkonstruktion besser geeignet: Rahmen mit Tiefeinstieg sind fast immer verwindungsanfälliger als Modelle mit Oberrohr. Wenn zwei Fahrer ihre Kräfte in den Rahmen einleiten, stellt sich dieses Problem umso mehr. Das haben wir vor allem gemerkt, als Bina für einige Kilometer das Steuer übernahm. Sobald ich hinten stärker in die Pedale trat, musste sie vorne kräftig gegensteuern, damit wir nicht unbeabsichtigt um die Ecke fuhren. Saß ich vorne, hielt das lange Rad stoisch die Spur.
JEDER DARF TRETEN, WIE ER MAG
Der Fairness halber muss gesagt werden, dass die Zielgruppe für dieses Modell vor allem Paare sein dürften, bei denen der Kopilot körperliche Einschränkungen hat. Darum verfügt das Rad auch über zwei getrennte Freiläufe in den Kurbeln, die es beiden Fahrer erlauben, in ihrem eigenen Rhythmus zu treten; wer mag, kann auch mal ganz aussetzen.
Der Qualitätseindruck des Rades ist hervorragend, alle Bauteile machen den Eindruck, dass sie den besonderen Belastungen am Tandem auch über längere Zeit gewachsen sind. Die Scheibenbremsen sind gut dosierbar und packen kräftig zu; robuste Reifen erlauben auch mal kleine Ausflüge auf Schotterwege. Die sensibel ansprechende Federgabel und effektiv arbeitenden Parallelogramm-Sattelstützen bügeln Unebenheiten und Schlaglöcher locker weg. Nicht warm wurden wir dagegen mit der 14-Gang-Nabenschaltung von Rohloff. Das Übersetzungsspektrum haben wir nicht annähernd ausgenutzt, die ersten vier Gänge blieben selbst an steilen Anstiegen unangetastet, die beiden schnellsten ebenso. Das eigentliche Problem der Nabe ist aber, dass sie kein Schalten während des Tretens erlaubt. Beim Tandem wird dies zum doppelten Problem. Jeder Schaltvorgang muss vom Vordermann angekündigt werden, Schalten an steilen Anstiegen ist fast unmöglich. Die Kettenschaltung, die für beide Modelle optional lieferbar ist, ist sicher die bessere Alternative.
Motor und Akkukapazität haben dagegen überzeugt. Am Ende unserer längsten Ausfahrt über 75 Kilometer mit fast 600 Höhenmetern, die wir zumeist in der niedrigsten von drei Unterstützungsstufen zurücklegten, zeigte der Akku noch 18 Prozent Restkapazität an. Auf flacheren Runden sind Reichweiten bis 100 Kilometer realistisch – erstaunlich bei über 170 Kilo Systemgewicht.
Die Testfahrten haben Spaß gemacht. Ein E-Tandem können wir uns nun noch eher vorstellen als zuvor. Bei nächster Gelegenheit werden wir das Modell mit dem steiferen Rahmen testen.
Preis 5.690 Euro | Getriebenabe | Mittelmotor
GESAMTWERTUNG* 1,9
Komfort 1,8
Gabel SR Suntour Duro
Federung Parallelogramm-Sattelstütze
Sicherheit 1,9
Bremsen Scheibe, Magura MT4
Flattersicherheit hoch
Antrieb 2,3
Motorsystem/Akku*** Panasonic Center 250, 350 W / Akku 475, 554 Wh
Getriebenabe Rohloff Speedhub 14-Gang
Anfahr- bzw. Schiebehilfe ja
Praxis 1,9
Reifen Schwalbe Marathon Mondial 50-559
Gewicht (v/h in %**) 37,0 kg (46/54)
Service 1,5
Garantie 10 Jahre Rahmen
CE ja
GEOMETRIE
Lenkerbreite vorn 650, hinten 590 mm
Rahmengrößen*** 50/35, 55/45 mm
Bezug/Info
*Das E-BIKE-Urteil ist preisunabhängig. Notenschlüssel nach Schulnoten von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft).
**Prozentuale Gewichtsverteilung Vorderrad zu Hinterrad, gibt Aufschluss über die Schwerpunktlage des Rades.
***Fett gedruckt sind jeweils die Werte des Testmodells.






