Test Nachrüstsätze

Einfach Umbauen und Gas geben?

19.12.2016 Uli Frieß - „Ach, wenn mein gutes, altes Lieblingsrad doch ein Pedelec wäre ...!“ denkt sich heute mancher. Warum also nicht mit E-Antrieb tunen? Bausätze dafür gibt’s genug. Aber was taugen Pedelec-Nachrüstsätze? Kann sie jeder einfach so montieren? Und wie fahren sich die Bikes damit? Wir haben’s ausprobiert ... Plus: ein Kommentar zur Sache vom Fahrrad-Sachverständigen Dipl.-Ing. Dirk Zedler
© E-BIKE

Das eigene Rad mit einem E-Antrieb schneller machen? Klingt verlockend. Der Handel bietet zahlreiche Nachrüst-Kits – fehlen also nur ein gut sortierter Werkzeugkasten und etwas Bastelzeit.

Wirklich?

Wie gestaltet sich der Umbau vom Fahrrad zum Pedelec? Und funktioniert der Antrieb dann auch? Wir haben fünf handels­übliche Nachrüstsätze bestellt und sie an die privaten Räder von Kollegen geschraubt: einen Mittelmotor, je einen Hinterrad- und Vorderrad-Nabenmotor ­sowie einen einfachen Reibrollenantrieb fürs Hinterrad. Dazu ein Binova-Mittelmotor; der kam bereits fertig am Rad zu uns, da er nur vom Fachhändler montiert werden darf. Wir haben ihn trotzdem aus- und wieder eingebaut, um den Arbeitsaufwand abzuschätzen. Ansmann und BionX liefern übrigens ebenfalls nur an Fachhändler; weil der Ansmann-Nabenmotor erst eingespeicht werden muss, dürften die meisten Endkunden damit ohnehin überfordert sein. BionX liefert an Händler, die den Satz an Endkunden weiter verkaufen oder selbst einbauen können. Nur der ­Elfei-Mittelmotor und die Rubbee-Reibrolle werden direkt an Hobbyschrauber versandt.

Was passt ans Rad?

Bevor man sich für ein System entscheidet, ist zu klären, was am eigenen Rad überhaupt geht – und schon wird’s knifflig. An Räder mit Nabenschaltung passen keine Hinterrad-­Nabenmotoren; an Räder, deren Ausfall­enden vom Standardmaß 135 Millimeter abweichen, auch nicht. Zumindest der BionX-Motor nicht. Mittelmotoren und Vorderrad-Nabenmotoren korrespondieren mit allen Schaltsystemen; die meisten Mittelmotoren ­erlauben aber nur ein Kettenblatt, der Elfei passt nur in 68-Millimeter-Standard-Tretlager. Weiteres Problem bei Nabenmotoren: Für die Drehmomentabstützung muss das Ausfallende entsprechend lang und ausreichend groß sein. Ob die Achse hineinpasst, ist pure Glücks­sache. Und: Wer einen Vorderrad-Motor einbauen will, muss fortan auf den Nabendynamo verzichten.

Nächste Frage: Wohin mit dem Akku?

Zur Montage am Unterrohr können, falls vorhanden, die Flaschenhaltergewinde genutzt werden. Wenn nicht ... wird’s schwierig. Für die Montage am Heck muss man den passenden ­Systemträger dazu kaufen – worauf bei der Bestellung nicht hingewiesen wird. Auf Nachfrage hieß es, man könne auch mit dem Original-Gepäckträger improvisieren, was wir für keine gute Idee halten. Das Rad benötigt also für die Montage des Akku-­Trägers Gewindeösen an den Sitzstreben.

Bei Montage und Werkzeug sind Nabenmotoren ­weniger anspruchsvoll als Mittelmotoren; deren Montage erfordert Spezialschlüssel fürs Tretlager. Die Umbausätze enthielten alle Montageteile einschließlich Display, Bediensatellit und Anschlusskabel, ebenso wie Verbindungselemente zur Gepäckträgerbefestigung. Der ­Anbau der Träger ist zeitintensiv, eventuell muss auch das Rücklicht neu montiert und verkabelt werden. Zur Verlegung und Befestigung aller Kabel am Rahmen ­haben wir handelsübliche Kabelbinder benutzt.

Immer neue Überraschungen

Den Umbau selbst kann man auf zweierlei Weise betrachten: als grandiose Fummelei mit viel Frust und Flüchen; oder als Lernprozess. Die wichtigste Erkenntnis: Wer selbst um­bauen möchte, muss genau prüfen, welches System ans Rad passt. Überraschungen sind dennoch nicht ausgeschlossen – bei vier unserer fünf Test-Antriebe gab es mindestens ein Problem. Mit Nachrüst-Kits vom Fachhandel hat man zwar weniger Stress, sollte aber genau rechnen: Zum Kaufpreis kommen die Montagekosten, eventuell werden bessere Bremsen notwendig – und irgendwann ist die Differenz zu einem neuen Pedelec nicht mehr groß. Wir raten deshalb grundsätzlich zum Neukauf, denn das Risiko ist groß, dass aus dem geliebten Rad eine geschmähte Gurke wird. Und das ist ja irgendwie auch kein Fortschritt ...

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